Viele Lehrende an deutschen Hochschulen beobachten derzeit ein Phänomen, das es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht gab: Studierende erscheinen immer seltener regelmäßig zu Vorlesungen und Seminaren. Oft sieht man sie nur zu Semesterbeginn – für prüfungsrelevante Infos – und am Ende zur Klausur. Besonders betroffen sind die Geisteswissenschaften, während in den Naturwissenschaften Laborarbeit noch als Anwesenheitsanker wirkt.
Die Gründe sind vielfältig – und meist strukturell: Viele Studierende arbeiten parallel zum Studium nahezu in Vollzeit. Andere pflegen Angehörige oder pendeln aufgrund explodierender Mieten über weite Strecken. Für eine einzelne Vorlesung am Tag lohnt sich der Weg oft schlicht nicht mehr. Dahinter steckt vor allem eines: Geldmangel.
BAföG für mehr Chancen und Bildungsgerechtigkeit
Nur rund zwölf Prozent der Studierenden erhalten BAföG – ein historischer Tiefstand. Gleichzeitig nehmen etwa 70 Prozent der Anspruchsberechtigten die Förderung gar nicht erst in Anspruch: aus Angst vor Verschuldung, wegen bürokratischer Hürden oder weil das Einkommen der Eltern als „zu hoch“ eingeschätzt wird. Dabei ist BAföG eigentlich ein zentrales Versprechen des Staates für mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit.
Geplante Reformen wie eine höhere Wohnkostenpauschale, die Anpassung des Grundbedarfs an die Grundsicherung und eine digitale Antragstellung gehen in die richtige Richtung. Doch vielleicht braucht es noch einen weiteren, ehrlichen Schritt: Transparenz über die realen Kosten des parallelen Jobbens. Ein verlängertes Studium bedeutet nicht nur mehr Zeit, sondern auch einen späteren Berufseinstieg, verzögerte Gehaltssprünge und langfristig spürbare Einkommensverluste.
Mit regelmäßiger Teilnahme schneller zum Ziel
Schon 2015 zeigte eine Studie: Studierende mit regelmäßiger Teilnahme erzielten bessere Leistungen und schlossen ihr Studium signifikant schneller ab. Denn Lehre gilt derzeit mehr als das Konsumieren von Folien. In Seminaren entsteht etwas, das man allein im Zimmer nicht reproduzieren kann: Austausch, Widerspruch, gemeinsames Denken.
Oder, um es mit Immanuel Kant zu sagen: „Ich bringe Ihnen nicht Philosophie bei, sondern Philosophieren.“
Studium ist kein Fernstudium auf Sparflamme. Es ist ein gemeinsamer Denkprozess – offen, kreativ, manchmal widersprüchlich. In Vorlesungen und Seminaren kann etwas entstehen, das weder Lehrende noch Studierende vorhergesehen haben. Fast wie ein geistiger Zeugungsprozess.
Vielleicht werden die Hörsäle wieder voller, wenn wir Studium nicht länger als etwas behandeln, das man „nebenbei“ erledigt – sondern als das, was es ist: eine Investition in Denken, Persönlichkeit und Zukunft.
