Zwei Männer© J. Klaeschen
Siegfried Didszun und Prof. Dr. Marco Hardiman begleiten die Umbauarbeiten am Fachbereich Wirtschaft.

Mit New Work neue Wege gehen

von Joachim Kläschen

Mit dem Herbst 2026 hat sich ein Teil des dritten Stocks von Gebäude C.03 in eine Baustelle verwandelt. Die Büros der Professorinnen und Professoren sind verlassen, die Türen ausgehängt. Handwerker ebnen mit Nivelliermasse Böden, damit bald die in großen Rollen wartenden Bodenbeläge aufgebracht werden können. Inmitten der Baustelle stehen Prof. Dr. Marco Hardiman vom Fachbereich Wirtschaft und Siegfried Didszun von der Abteilung Bau und Liegenschaft der Hochschule. Der eine hat alles losgetreten, der andere hat ein Auge darauf, dass baulich alles ordentlich läuft.

Die Idee, den Fachbereich grundlegend zu renovieren, treibt Hardiman seit fast fünf Jahren um. Seine Vision: Durch offene, ansprechend gestaltete Flächen eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, die ein soziales Miteinander befördert und die Kreativität beflügelt. „Das Konzept von New Work bietet viele Vorteile“, erklärt der Professor für Allgemeine BWL und Marketing. „Die Kolleginnen und Kollegen können jeden Tag aufs Neue entscheiden, wo sie arbeiten möchten. Ob in der Nähe oder sogar zusammen mit anderen oder in der ruhigen Umgebung eines Einzelbüros. Jeder hat Zugang zu allem“, schiebt Hardiman nach.

Das neue Raum- und Arbeitskonzept wurde im Rahmen der Sanierungsplanung für das Hochhaus zusammen mit der Firma rheform entwickelt. In Zeiten knapper Kassen und weil die die Sanierungsplanung seitens des Landes noch nicht finanziert werden kann, wird die New-Work-Planung nun in einer abgespeckten Version aus hochschuleigenen Mitteln realisiert. Im Vergleich zur ursprünglichen Planung für den Fachbereich können rund 30 Prozent der Kosten eingespart werden. Nachdem die Professorinnen und Professoren ihre Büros Anfang Oktober geräumt hatten, arbeiten sie nun interimsweise in zwei großen Räumen im ersten Stock von C.03. Seither wurden fast alle Möbel ausgeräumt und viele zur Weiternutzung an Einrichtungen wie die Musikhochschule Lübeck abgegeben. Faltwände wurden demontiert und nicht mehr benötigte Ein- und Ausgänge verschlossen. Aus sechs Büros werden drei Open Spaces mit Platz für insgesamt zwölf Arbeitsplätze.

Ein leerer Raum©J. Klaeschen
Durch das Demontieren von Faltwänden wurden Open Spaces für flexible Arbeitsplätze geschaffen.

Wenn er von seinem eigenen Auszug erzählt, hört man Hardiman an, wie tiefgreifend die Veränderung ist. „Wie viele Kolleginnen und Kollegen hatte ich Regale voller Bücher und Arbeiten, die ich betreut habe“, sagt der Professor. „Ich habe fast alles entsorgt, weil es veraltet war und uns zudem in neueren Auflagen digital zur Verfügung steht. Aber es tat schon ein wenig weh.“ Künftig verwenden die Professorinnen und Professoren jeweils einen mobilen Container für Persönliches und Arbeitsmittel. Auf Gedrucktes müssen sie dennoch nicht verzichten, denn ein Funktionsraum mit Ausblick auf das Computermuseum wird zur Bibliothek. Es soll gleichfalls ein gemütlicher Rückzugsort sein.

Andere Funktionsräume stehen den Professorinnen und Professoren für Besprechungen zur Verfügung. Zwei hervorragend angebundene und mit leistungsfähiger Hardware ausgestattete Studios sind für Online-Lehre vorgesehen. Schließlich bietet kein anderer Fachbereich der HAW Kiel so viele Online-Studiengänge an wie Wirtschaft. Über ein Buchungssystem, eine Eigenentwicklung des Fachbereichs, sollen sich die Räume für die Nutzung reservieren lassen. Die mit dem Schwenk auf die ‚strukturierte Arbeitsfläche‘ einhergehende effektivere Nutzung könnte zudem zur Folge haben, dass die Hochschule künftig weniger, externe Flächen anmieten muss.

Man könnte seine Fachkompetenz als Professor für Wirtschaft infrage stellen, wenn Hardiman sagt, dass ihm die durch den Umbau entstehenden wirtschaftlichen Vorteile gar nicht so wichtig sind. Doch dann erzählt er von Reisen nach Finnland, wo er New Work in Aktion gesehen hat. Er schwärmt von ‚social labs‘ und ‚quiet labs‘, in denen er erlebt hat, wie das flexible Miteinander die Kreativität befördert. Mit Didszun bespricht er bei der Gelegenheit die Gestaltung der neuen Türschilder. Die sollen so groß sein, dass die wichtigsten Spielregeln für die Nutzung des jeweiligen Raumes darauf Platz finden. Sie sollen dazu beitragen, dass das ungewohnte soziale Miteinander nicht von Grund auf neu ausgehandelt werden muss.

Ein Flur©J. Klaeschen
Die Türen entlang des Flurs werden für mehr Lichteinfall verglast.

Dann bittet Hardiman in einen angrenzenden Raum, deutet stolz auf eine Wand und spricht freudig und stolz nur ein einziges Wort: „Farbe.“ Was auf den ersten Blick wenig aufregend anmutet, ist laut dem Professor das Ergebnis eines zähen Ringens. „Bei aller Veränderung möchte ich durch farbige Wände eine Wohnlichkeit einziehen lassen. Eine Hochschule ist ein Ort der Ideen – und die entstehen und gedeihen am besten, wenn man sich wohlfühlt und kreativ mit anderen austauschen kann. Wir wollen hier einen Ort schaffen, an den die Kolleginnen und Kollegen gerne kommen, weil sich ein Mehrwert gegenüber der sozialen Isolation im Home Office ergibt“, erklärt Hardiman seine Vision.

Mit seiner Begeisterung hat der Professor längst auch die Kanzlerin der Hochschule, Dr. Anja Franke-Schwenk, angesteckt. „Die vielen Vorteile des schlüssigen Konzepts haben mich überzeugt und ich bin sicher, dass das Modellprojekt weitere Bereiche der Hochschule inspirieren wird“, konstatiert Franke-Schwenk. „Zudem zahlt dieses Projekt auf die EWKG-Vorgabe des Landes ein, 20 Prozent unserer Flächen einzusparen“, schiebt die Kanzlerin mit Verweis auf das Energiewende- und Klimaschutzgesetz SH nach. „Ich freue mich, dass es an unserer Hochschule so viel Mut zu Veränderung gibt und dass wir diese Veränderung mit wirtschaftlichem Augenmaß aus eigener Kraft im Bestand realisieren.“

Mitte November sollen die Umbauarbeiten im dritten Stock von C.03 soweit fortgeschritten sein, dass die Professorinnen und Professoren wieder einziehen können. Dann muss sich New Work am Fachbereich Wirtschaft beweisen. „Aber wir haben auch viele Möglichkeiten nachzusteuern, wenn etwas in der Praxis nicht so gut funktioniert wie es die Theorie vorgesehen hat“, räumt Hardiman ein und ergänzt: „Aber dieses unmittelbare und spannende Zusammenspiel von Theorie und Praxis ist es ja schließlich auch, was unsere Hochschule auszeichnet.“

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