Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg übergibt der Projektgruppe "KliG Moor" einen Förderbescheid.  © F. Schäfer
Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg übergibt der Projektgruppe "KliG Moor" einen Förderbescheid.

Gutes Futter trotz nasser Moore?

von Frauke Schäfer

Ein Projektkonsortium unter der Leitung der HAW Kiel sucht nach Möglichkeiten, die Wiedervernässung von Niedermooren mit einer wirtschaftlichen Grünlandwirtschaft zu verbinden. Heute (5. November 2026) informierten sich Ministerpräsident Daniel Günther, Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg und Umweltminister Tobias Goldschmidt mit regionalen Stakeholder*innenin der Eider-Treene-Sorge Niederung über das Projekt „Klima-Gras-Moor (KliG Moor)“ – Reallabor für eine zukunftsfähige Bewirtschaftung von Niedermoorböden in Schleswig-Holstein".

Das Dilemma: Klimaschutz vs. landwirtschaftliche Nutzung

Es ist ein Dilemma. Landwirtschaftliche genutzte, trockengelegte Moore setzen in Schleswig-Holstein ca. 3,9 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr frei, also fast 20 Prozent der jährlichen Landesemissionen. Aus Klimaschutzgründen müsste man die Flächen wiedervernässen, um die Emissionen drastisch zu reduzieren. Doch die Flächen, überwiegend landwirtschaftlich als Grünland genutzt, sind für zahlreiche Milchviehbetriebe für die Futterproduktion unverzichtbar. 

Deswegen steht im Mittelpunkt des Projekts „KliG Moor“ die Frage, wie sich eine Anhebung der Wasserstände auf die grünlandbasierte Futterproduktion auswirkt und was dies für die Tierernährung und Ökonomie der betroffenen Betriebe bedeutet.

Reallabor liefert Datenbasis und praxisnahe Anschauungsbeispiele 

„Wenn wir aus Klimaschutzgründen wiedervernässen, müssen wir dies auf einer Datengrundlage tun, die bei den lokalen Akteur*innen auf Verständnis trifft“, erklärt Projektleiter Tammo Peters, der an der HAW Kiel eine Professur für Grünlandwirtschaft und Klimaschutz innehat. „Diese Grundlage schaffen wir mit unserem Reallabor. Nur mit praxisnahen Anschauungsbeispielen können wir Landwirt*innen eine Hilfestellung auf dem Weg zu einer klimaschonenden und zukunftsfähigen Landnutzung bieten.“

Schauplatz des Reallabors ist die Eider-Treene-Sorge-Niederung, eines der größten zusammenhängenden Niederungs‑ und Moorgebiete Norddeutschlands. In Zusammenarbeit mit dem Hof BroklandsAu bei Süderheistedt haben die Forschenden ideale Bedingungen für ihren Feldversuch gefunden: trockene, mäßig feuchte und nasse Böden, fußläufig voneinander entfernt. 

Feldversuch mit vier Nutzungsszenarien

Im Frühjahr steckte Dr. Tjark Martens, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts, drei Flächen von je rund 120 Quadratmetern ab. Mit seinem Team düngt und beprobt Martens die drei Versuchsfelder (neben weiteren Praxisflächen in der Region) über einen Zeitraum von drei Jahren nach einem bestimmten Schema. „Um verschiedene Nutzungssysteme zu simulieren, untersuchen wir mit unseren Experimenten vier Varianten: Ausbleibende Nutzung, einmalige Mahd, sowie drei und fünf Schnittnutzungen pro Jahr“, erklärt Martens. „Wir konnten die Vegetationsperiode 2026 schon nutzen und haben Aufwüchse geerntet, um den Ertrag und die Inhaltsstoffe im Labor zu bestimmen. Außerdem führen wir ein permanentes Monitoring der Wasserstände durch, um Aussagen über die Klimawirksamkeit machen zu können.“ 

Die gewonnene Biomasse wird genau unter die Lupe und modellhaft für teilnehmende Betriebe bewertet: Kann die Biomasse in Futterrationen für die Rinder integriert werden? Kann sie als Silage für den Winter haltbar gemacht werden und welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten außerhalb der Tierernährung könnten infrage kommen? Diesen Fragen widmet sich ein breites Projektkonsortium mit Expert*innen der HAW Kiel und der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. 

Was bedeutet Umstellung für Betriebe?

In einem weiteren Schritt berechnen Agrarökonomen der HAW Kiel und des Kieler Institut für Europäische Landwirtschaftsstudien GmbH (KIELS), welche Kosten potentiell auf Landwirt*innen zukommen, wenn sie die neue klimaschonende Biomasseproduktion in ihre bestehenden Betriebssysteme integrieren. Auch technische Fragen zur Befahrbarkeit der Flächen oder sozioökonomische Fragestellungen zur Einstellung der Landwirt*innen gegenüber dem Klimaschutz auf Moorböden werden im Rahmen von Abschlussarbeiten im Reallabor behandelt.

Der Transfer der gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis ist der zentrale Baustein des Projekts. Federführend ist hier die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, die in diesem Jahr ein „Praxis-Netzwerk Moor“ für Landwirt*innen gestartet hat. Kerstin Ebke vom Fachbereich Umwelt und Gewässerschutz kann sich die Fortführung des Netzwerks, Austauschformate auf der Fläche und weitere Informationsangebote vorstellen: „Bei allen Diskussionen um Wiedervernässung von Flächen müssen die Landbewirtschafter*innen mitgenommen werden. Eine Umstellung von Milchviehhaltung auf Wiedervernässung mit veränderter oder verringerter Tierhaltung ist ein betrieblicher und ökonomisch großer Schritt und die Familien wollen von ihrem Wirtschaften auskömmlich leben können.“

Das bestätigt auch Christian Rühmann, der seine Flächen für die Feldversuche zur Verfügung gestellt hat. „Ich möchte wissen, was wir für die Natur tun können, wie wir produktive Landwirtschaft mit Klima- und Naturschutz in Einklang bringen können“, erklärt der Landwirt in dritter Generation. „Deswegen habe ich die Flächen zur Verfügung gestellt. Ich vertraue darauf, dass da etwas Ordentliches bei rauskommt.“

Das Projekt „KliG Moor– Reallabor für eine zukunftsfähige Bewirtschaftung von Niedermoorböden in Schleswig-Holstein“ (08/2025 bis 08/2028) ist an der F&E GmbH (ehemals FuE-Zentrum der FH Kiel GmbH) verankert. Es wird vom Kompetenzzentrum für klimaeffiziente Landwirtschaft im Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz MLLEV mit 367.800 Euro über eine Laufzeit von drei Jahren gefördert. 

Beteiligte: HAW Kiel (Professor*innen Agrarökonomie, Grünlandwirtschaft und Klimaschutz, Pflanzenernährung und Bodenkunde, Tierernährung), Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (Fachbereich Umwelt und Gewässerschutz sowie Pflanzenbau/Futterkonservierung); Christian Rühmann (Hof BroklandsAu Milch GbR), Kieler Institut für Europäische Landwirtschaftsstudien (KIELS GmbH) 

 

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