Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) galten bislang primär als Männerkrankheit. Diese Wahrnehmung könnte darauf zurückzuführen sein, dass Männer häufiger etwa zehn Jahre früher einen Herzinfarkt erleiden als Frauen. Dennoch ist die ischämische Herzkrankheit die häufigste Todesursache bei Menschen aller Geschlechter (WHO, 2025). 

Nach dreißigjähriger Forschung gilt der Herzinfarkt heute als eines der am besten entwickelten Beispiele für geschlechtsspezifische Innovationen (gendered innovations in heart diseases). Die geschlechtsspezifischen Analysen von Fehl- und Unterversorgung von Frauen führten zu politischen Veränderungen, einer stärkeren Vertretung frauenspezifischer und geschlechtsdiverser Themen in der Herzinfarktforschung sowie zu einem besseren Verständnis darüber, wie biologische Geschlechteraspekte und genderbezogene Verhaltensweisen Herzerkrankungen beeinflussen. Die pathophysiologischen Prozesse, die einem Herzinfarkt zugrunde liegen, zeigen Geschlechterunterschiede in der Diagnostik mittels Koronarangiographie. Die Untersuchung der Koronargefäße im Herzkatheterlabor ist der „Goldstandard” für die Diagnose von Patient*innen mit Angina pectoris (starken Brustschmerzen), wovon vor allem Männer profitieren. Denn groß angelegte Studien (Shaw et al., 2009; Bugiardini et al., 2005) haben ergeben, dass die Koronarangiographie bei der Diagnose von Herzerkrankungen bei Frauen oft unwirksam ist, da es zwar Erkrankungen in großen, nicht jedoch in kleinen Koronargefäßen sichtbar macht ). Infolgedessen werden viele Frauen trotz starker Brustschmerzen, aber wegen vermeintlich „normaler” Angiogramme unter- und falsch diagnostiziert sowie nicht behandelt. 

genderedinnovations.stanford.edu/case-studies/heart.html 

Aktuelle Meta-Analysen (Bosomworth & Khan, 2023) bestätigen unbestreitbare geschlechtsspezifische Ungleichheit in Bezug auf die kardiovaskuläre Gesundheit zum Nachteil der Frauen sowie, “… dass weitere Forschung erforderlich ist, um die geschlechtsspezifischen Unterschiede sowohl bei der Ausprägung als auch bei den Symptomen von HKE zu verstehen sowie um eine verbesserte Behandlung von Frauen und die Entwicklung geschlechtsspezifischer Strategien und klinischer Leitlinien zu ermöglichen, die den Ärzt*innen künftig mehr Handlungsspielraum geben” (ebd., 1).