Zugegeben – der kleine kompakte Anhänger, der mit schrill piependem Warngeräusch rückwärts vor dem großen Hallentor der Hochspannungshalle eingeparkt wurde, hatte eher etwas von Bierlieferung und Grillwurst als von Hightech und Umweltschutz. Doch als die Mitarbeiter der Hamburger Energienetze in voller Arbeitsmontur die seitliche Abdeckung öffneten wurde klar, hier fließt gleich Schwefelhexafluorid und kein Gerstensaft.
Ziel der Aktion war die große Hochspannungshalle der HAW Kiel, ausgestattet mit einem einzigartigen Prüftransformator für 600.000 Volt, fast zehn Meter groß. Solche leistungsstarken Transformatoren werden benötigt, um die Funktionsfähigkeit von zum Beispiel Kraftwerkskomponenten oder Energiekabeln nachzuweisen. So auch Anfang Juni geschehen, als das berühmte Schweizer Forschungsinstitut CERN neue Hochspannungskabel für den größten und leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt in genau dieser Halle der HAW Kiel auf Herz und Nieren prüfen ließ . Ein Fall für den 600.000 Volt Prüftransformator, der für genau solche fordernden Qualitätstests gedacht ist.

Doch auch diese leistungsstarken und robusten Prüfmittel müssen hin und wieder selbst überprüft und gewartet werden, zumal dieser Prüftransformator mit seinen stolzen 28 Jahren für ein technisches Gerät etwas „in die Jahre“ gekommen ist. Doch wie findet man eine Fachfirma, die sich mit einem so speziellen und fast schon historischen Gerät auskennt? Erschwerend kommt hinzu, dass der Transformator nicht wie üblich mit Isolieröl gefüllt ist, sondern mit hochisolierendem SF6-Gas, Schwefelhexafluorid. Dieses Gas ist naturgemäß sehr viel leichter als flüssiges Öl, was erst einen Einsatz eines solchen Prüftransformators in den Gebäuden der HAW Kiel möglich macht. Denn statt mehrere zehn Tonnen wiegt die Hochspannungs-Prüfeinrichtung „nur“ leichte 2.250 Kilogramm, nicht mehr als so mancher geländegängiger SUV. Doch leider hat SF6-Gas einen entscheidenden Nachteil: Es darf auf keinen Fall in größeren Mengen in die Atmosphäre gelangen. Obwohl völlig ungiftig, kann es dort wegen seiner Treibhausgaseigenschaften immensen Schaden für die Umwelt anrichten. Denn nur 1 Kilogramm SF6-Gas ist genauso schädlich wie 23 Tonnen CO2, immerhin das Referenzgas für Klimaschäden, welches maßgeblich für den Treibhauseffekt verantwortlich ist.

Hier kommen die „Hamburger Energienetze“ ins Spiel. Denn das dicht besiedelte Hamburg als Millionenstadt verfügt im Gegensatz zu Kiel über mehrere kompakte Umspannwerke und Schaltanlagen, die ebenfalls mit dem hochleistungs-Isoliergas SF6 befüllt sind. Unter ständiger Überwachung von unabhängigen hochqualifizierten Prüf- und Montageteams aus dem eigenen Unternehmen. Und ein solches Team, samt SF6-Serviceanhänger, sorgte an nur einem Nachmittag dafür, dass der 600.000 Volt HAW-Kiel-Prüftransformator wohl auch noch die nächsten 28 Jahre gut funktioniert, und seine hochfunktionale, aber nicht ganz unproblematische SF6-Füllung bei sich und in sich behält. Zum Wohle der Atmosphäre. Und auch zum Wohle von so renommierten Forschungseinrichtungen wie dem CERN, welches für seine nächsten sechs Kabelbestellungen schon Prüftermine in der HAW-Hochspannungshalle hat vormerken lassen.
Impressionen der Wartungsarbeiten „Verantwortungsvoller Umgang mit SF6: Instandsetzung eines 600kV-Prüftransformators“ zeigt Prof. Schmidt-Rethmeier auf YouTube

