Blick auf das Gebäude der ATSU in Georgien© B. Thege
Das Institut für Genderforschung und Diversity der HAW Kiel unterstützt Kolleg*innen der ATSU in Georgien bei der Entwicklung eines Gleichstellungsplans nach EU-Kriterien.

Brücken nach Georgien

von Jana Walther

Wie die HAW Kiel internationale Forschungskooperationen stärkt.

Als Professorin Dr. Britta Thege, Geschäftsführerin des Instituts für Genderforschung und Diversity, und die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Marike Schmeck im Mai aus dem Flugzeug steigen, liegen zwischen Kiel und ihrem Zielort rund 4.000 Kilometer. Doch die Reise nach Kutaisi, der drittgrößten Stadt Georgiens, dauert überraschend kurz: Mit einem Direktflug von Hamburg aus erreichen sie die Akaki Tsereteli State University (ATSU) in nur wenigen Stunden. Dort beginnt für die beiden eine Zusammenarbeit, die weit über einen Hochschulbesuch hinausgehen soll.

Im Zentrum steht das Projekt „PRO-BE“, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird. Ziel ist es, die Georgische Hochschule ATSU bei der Entwicklung eines Gleichstellungsplans nach EU-Kriterien zu unterstützen. Dieser ist eine wichtige Voraussetzung, um künftig an Projekten des europäischen Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe teilnehmen zu können. Doch schon während des Arbeitsbesuchs wird deutlich: Es geht um weit mehr als ein Dokument.

Ein Gleichstellungsplan als Schlüssel für europäische Forschung

Seit 2022 müssen Hochschulen und Forschungseinrichtungen in EU-Mitgliedstaaten und assoziierten Ländern über einen Gleichstellungsplan verfügen, wenn sie an bestimmten Ausschreibungen von Horizon Europe teilnehmen wollen. Dies ist das größte Forschungs- und Innovationsförderprogramm der EU mit einem Budget von rund 95 Milliarden Euro. Zu den Anforderungen gehören unter anderem die systematische Erhebung von Daten zur Geschlechterverteilung, Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit sowie Strategien gegen Diskriminierung und sexuelle Belästigung.

Genau dabei unterstützt das Team der HAW Kiel nun ihre Partnerhochschule in Georgien. Gemeinsam mit einer lokalen Projektgruppe entwickeln sie die Grundlagen für einen solchen Plan. „Ein erster wichtiger Schritt ist eine umfassende Genderanalyse, die Aufschluss darüber geben soll, wo Handlungsbedarf besteht“, erklärt Britta Thege. Während ihres einwöchigen Aufenthalts arbeiteten Thege und Schmeck eng mit einer Task Force der ATSU zusammen. Gemeinsam wurden Datenanalysen vorbereitet, Fortbildungsangebote abgestimmt und die nächsten Schritte des Projekts geplant.

Überraschende Einblicke

Die ersten Ergebnisse der Analyse lieferten dabei ein unerwartetes Bild. Während deutsche Hochschulen nach wie vor einen vergleichsweise niedrigen Frauenanteil auf Professuren verzeichnen, sind Frauen an der ATSU in vielen akademischen Bereichen deutlich stärker vertreten. Thege: „Bei den Professuren haben sie teilweise gar nicht die Probleme, die wir aus Deutschland kennen. Die Herausforderungen liegen vielmehr in anderen Bereichen wie zum Beispiel bei Fragen der Organisationskultur, der Sensibilisierung für Gleichstellungsthemen oder dem Umgang mit sexueller Belästigung.“ Die Arbeit an einem Gleichstellungsplan bedeute deshalb nicht, ein fertiges Modell zu übernehmen. Vielmehr müssten die Maßnahmen auf die jeweilige Hochschule und ihre Rahmenbedingungen zugeschnitten werden.

eine Gruppe von Personen angeordnet um einen Konferenztisch, die miteinander diskutieren©T. Demetradze
Im Austausch: Dr. Marike Schmeck (3.v.l.) und Prof. Dr. Britta Thege (4.v.r.) haben bei den Gesprächen ihres ersten Besuchs festgestellt, dass es um mehr geht als die Erstellung eines Dokuments.

Wissenschaft in einem politisch angespannten Umfeld

Der Besuch bot aber nicht nur Einblicke in die Hochschulentwicklung, sondern auch in die gesellschaftliche Situation Georgiens. Das Land befindet sich seit Jahren in einem Spannungsfeld zwischen einer in großen Teilen EU-orientierten Zivilgesellschaft und einer zunehmend russlandfreundlichen Regierung. Diese Gegensätze wurden für die Kieler Wissenschaftlerinnen auch außerhalb des Campus sichtbar. Während eines Rundgangs durch Kutaisi gerieten sie zufällig in eine große öffentliche Veranstaltung. „Wir dachten zunächst, es sei eine religiöse Prozession“, erinnert sich Thege. „Später haben wir herausgefunden, dass es sich um eine Bewegung handelte, die sich ausdrücklich gegen LGBTQ+-Initiativen richtet.“

Für die Projektarbeit bedeutet das Fingerspitzengefühl. Themen wie Gleichstellung werden in Georgien teilweise anders diskutiert als in Deutschland. Gleichzeitig erlebt Thege an der Universität eine große Offenheit gegenüber internationaler Zusammenarbeit. „Die Kolleginnen und Kollegen möchten international arbeiten, sie möchten sich vernetzen und Teil europäischer Forschungsstrukturen sein“, sagt sie. Genau darin liege auch für die HAW Kiel eine besondere Chance. Denn das Projekt endet nicht mit der Veröffentlichung des Gleichstellungsplans, die für 2027 vorgesehen ist. Ein eigenes Arbeitspaket beschäftigt sich mit Netzwerkbildung und Wissenschaftskooperationen zwischen beiden Hochschulen. Langfristig könnten daraus gemeinsame Forschungsprojekte, Gastvorträge oder sogar gemeinsame Anträge im Rahmen von Horizon Europe entstehen. Die Voraussetzungen dafür seien vielversprechend. Die ATSU beteiligt sich bereits heute international aktiv, insbesondere an Erasmus-Programmen und verfügt über eigene Strukturen für internationale Kooperationen.

Gemeinsam Zukunft gestalten

Bis zur Fertigstellung des Gleichstellungsplans liege aber noch einige Arbeit vor den Projektpartner*innen. In den kommenden Monaten stehen Datenauswertungen und -reports sowie eine Online-Vortragsreihe auf dem Programm. Für 2027 ist zudem eine internationale Abschlusskonferenz in Georgien geplant. Für Britta Thege stehe dabei vor allem der langfristige Mehrwert im Vordergrund: die Möglichkeit, wissenschaftliche Netzwerke auszubauen und neue Partnerschaften zu schaffen. 

 

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