Eine Brücke© S. Görtz
Viele Brücken im Land stammen aus den 1950er- und 1960er-Jahren und weisen mittlerweile erhebliche altersbedingte Schäden auf.

Brücken länger nutzen

von Joachim Kläschen

Wenn es um Brücken geht, ist das Interesse von Dr.-Ing. Stephan Görtz geweckt. Der Professor für Konstruktiven Ingenieurbau am Institut für Bauwesen der HAW Kiel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser wichtigen Säule unserer Straßeninfrastruktur. Bereits in seiner Promotion ging es um die für Brücken geltenden Bemessungsregeln. Neben seiner Tätigkeit an der Hochschule bewertet Görtz als Gutachter Brückenbauwerke des Landesbetriebs für Straßenbau und Verkehr; zwei Brückenbauwerke werden von ihm aktuell mit einem Monitoring-System überwacht.

„Viele Brückenbauwerke stammen aus den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts und weisen mittlerweile erhebliche altersbedingte Schäden auf“, weiß Görtz. Mehr noch gibt er zu bedenken: „Diese alten Brücken wurden nicht für den heute üblichen Schwerlastverkehr bemessen.“ In Zeiten knapper Kassen und eines Mangels an Fachkräften ist die vollständige Erneuerung dieser Bauwerke nicht möglich. Zudem würden diese Maßnahmen zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führen. „Solche eklatanten Stausituationen können den Verkehrsfluss so sehr behindern, dass ein zentraler Pfeiler unserer Wirtschaft ins Wanken gerät. Außerdem haben wir in einem Forschungsvorhaben rausgefunden, dass vor allem durch baubedingte Stausituationen beträchtliche CO2-Emissionen entstehen, die es unbedingt zu minimieren gilt“, rät der Experte.

Ein Mann in einer Brücke©K. Lengert
Prof. Dr. Stephan Görtz während der Installation eines Monitoring-Programms im Inneren eines Brückenbauwerks.

Um einen besseren Überblick über die Lage zu erhalten, will der Wissenschaftler einen Weg finden, die tatsächlichen Traglastpotenziale der Brücken zu identifizieren. „Mit effizienten und wissenschaftlich abgesicherten Methoden könnten wir überprüfen, wie es um die rechnerische Tragfähigkeit bestellt ist“, erklärt Görtz und ergänzt: „Durch diese Methoden ließen sich Bauwerke ohne oder mit lediglich geringen bautechnischen Eingriffen unter Betrieb halten. So würden die Behinderungen des Verkehrsflusses auf ein Minimum reduziert und gleichzeitig offengelegt, welche Bauwerke die meiste Aufmerksamkeit benötigen.“

Nicht nur Görtz begeistert sich für dieses Vorgehen. Sein Forschungsantrag hat sich unter 350 Einsendungen bei HAW-ForschungsAkzente durchgesetzt. Konkret bedeutet das eine Förderung in Höhe von 563.000 Euro durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. „Nun können wir ein durchgehendes Bemessungsmodell für die Beanspruchung infolge von Querkraft und Torsion bei bewehrten Betonbauteilen entwickeln. Es soll sowohl auf konventionelle Betonstahlbewehrung als auch auf Faserverbundbewehrung anwendbar sein, die zukünftig in Brücken verstärkt zum Einsatz kommen werden“, freut sich Görtz.

Ein Prüfstand©S. Görtz
Ein Versuch zur Einwirkung der Querkraft am Institut für Bauwesen der HAW Kiel.

Das Forschungsprojekt setzt sich aus Bauteilversuchen und numerischen Simulationen zusammen. Die Einbindung von beratenden Partnern, wie der Autobahn GmbH, dem Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr in Schleswig-Holstein sowie dem Ingenieurbüro WTM Engineers aus Hamburg, stellt den direkten Bezug zur Praxis sicher.

„Neben den Kosten für die Bauteilversuche wird die Förderung über einen Zeitraum von vier Jahren die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters sichern“, erklärt Görtz die Verwendung der Mittel. So soll ein Promotionsvorhaben im Rahmen des Promotionskollegs SH befördert werden. Doch Görtz denkt schon weiter: „Unsere mittelfristige Zielsetzung ist es, die HAW Kiel als Kompetenzzentrum für Bestandsbauwerke in Norddeutschland zu etablieren.“

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