Am Anfang des zweiten großen Kapitels in Peter Quells beruflichem Leben stand ein Telefonat. Alois Schaffarczyk, Professor für Technische Mechanik und Mathematik an der HAW Kiel, rief ihn im Frühjahr 2012 an. Man kannte sich aus dem Beirat von CE Wind, einem Forschungsnetzwerk, in dem Hochschulen aus Schleswig-Holstein mit Unternehmen aus der Windenergie zusammenkamen.
Nach 20 Jahren hatte Quell seinen Posten als Entwicklungsleiter bei der REpower Systems AG, einem Windkraftanlagenbauer, aufgegeben und wollte sich neu orientieren. Ob Quell an der Hochschule nicht mal einen Vortrag halten wolle? „Ich hatte Zeit, war offen für Neues und habe zugesagt“, erinnert sich Quell. Das war der erste echte Kontakt des Ingenieurs mit der Hochschule, an der er vom Herbst 2012 an als Professor seine Begeisterung für Windenergie an junge Menschen weitergeben sollte.
„Meinen ersten Eindruck werde ich nie vergessen“, betont Quell. „Ich ging auf das Gebäude zu und davor standen zwei junge Leute und redeten miteinander. Als ich mich der Tür näherte, nahm einer von ihnen ungefragt die Klinke in die Hand und öffnete für mich. Und dann schallte mir noch ein trockenes ‚Moin‘‘ entgegen“, lacht Quell über seine Erzählung. Vom ersten Besuch an hat er die Hochschule als einen Ort empfunden, an dem man freundlich und auf Augenhöhe miteinander umgeht.
„Die ersten Jahre vergingen wie im Flug“, erinnert sich Quell. „Der Studiengang hatte zwar ein Curriculum, aber es ging darum, die Module auch mit Leben zu füllen.“ Einige Anregungen kamen von außen. „Unser Präsident Udo Beer hatte sich mit dem Bürgermeister von Helgoland unterhalten. Das Ergebnis war COOL“, lacht Quell. Die ersten 36 Studierenden seines Studiengangs Offshore-Anlagentechnik arbeiteten begeistert mit am ersten Campus for Ocean and Offshore Learning. Die selbst organisierte Konferenz mit renommierten Gästen wurde viele Jahre lang mit bis zu 150 Studierenden und Hochschulangehörigen fortgeführt.
Menschen zusammenzubringen war Peter Quell immer ein wichtiges Anliegen. „Während meiner Zeit in der Wirtschaft bin ich über Jahrzehnte immer wieder mit Menschen in Kontakt gekommen, die ich bereits aus meinem Studium kannte. Diese frühere Verbindung hat den Umgang mit ihnen unkompliziert gemacht“, begründet Quell sein Anliegen. Um auch seinen Studierenden schon frühzeitig den Einstieg in Netzwerke zu ermöglichen, rief Quell im Jahr 2014 den Offshore.Club ins Leben. Vertreterinnen und Vertreter der Windenergie-Branche berichten auf Veranstaltungen Studierenden und Alumni von Entwicklungen aus dem Beruf. In einem zwanglosen Rahmen sind Diskussionen und Gespräche möglich. „Es ist schon zu sehen, wie mittlerweile auch ehemalige Studierende von uns als gestandene Ingenieure für Vorträge auf den Abenden nach Kiel zurückkommen“, freut sich der Ingenieur.
Auch in der Rückschau auf die Entwicklung seines Studiengangs, der heute Erneuerbare Energien Offshore heißt, spielen die Menschen für Quell eine große Rolle. „Mein erster Mitstreiter war Thomas Abraham“, erzählt der Professor. „Thomas konnte sich für Offshore begeistern und war vom ersten Tag an hochmotiviert. Bis heute verbindet uns die freundschaftliche Zusammenarbeit.“ Als Quells Studienangebot wachsen konnte, bemühte er sich um einen weiteren Professor, der sein eigenes Wissen bestmöglich ergänzte. „Mit Christian Keindorf hat die Hochschule einen Experten aus der Praxis bekommen, der umfassende Kenntnisse im Hinblick auf Fundamente und Türme mitbrachte“, freut sich Quell noch immer über seinen Kollegen.
Der ‚Windmaster‘, wie Quell das englischsprachige Kooperationsangebot Wind Energy Engineering von HAW Kiel und FH Flensburg liebevoll nennt [^2], ist eine weitere Herzensangelegenheit des Professors. „Der Studiengang ist sehr international und fokussiert auf Teamwork“, erklärt Quell. „Teil des Studiums ist die gemeinsame Entwicklung einer vollständigen hochmodernen Windenergieanlage. Es ist immer wieder wunderbar zu sehen, wie das gemeinsame Ziel und der hohe Anspruch die jungen Menschen dazu bringen, kulturelle Grenzen und Unterschiede beiseite zu schieben, um sich auf das Ergebnis zu fokussieren.“ Die Abschlusspräsentationen der Teams waren für Quell stets bewegende Momente, wenn die angehenden Ingenieurinnen und Ingenieure aus aller Herren Länder strahlend vor berechtigtem Stolz der Presse auf der Bühne ihre Entwicklungen vorstellten.
Im Sommer 2026 verabschiedet sich Peter Quell aus der Lehre in ein Sabbatical, bevor er die Hochschule dann 2027 verlässt. Er freut sich, dass die Wahl für seinen Nachfolger auf Dr.-Ing. Torben Terwey gefallen ist. „Torben ist ein sympathischer Mann mit großem fachlichem Wissen und Erfahrung in der Industrie“, lobt Quell. „Ich bin sicher, dass er dem Studiengang neue Impulse bringen wird. Es fällt leichter zu gehen, wenn man weiß, dass der Studiengang in gute Hände geht“, sagt Quell.
Von der Windkraft verabschieden wird sich Peter Quell jedoch sicher nicht. Dafür ist er schon zu lange dabei und dafür sind die aktuellen Entwicklungen viel zu spannend. „Windenergie ist ein stetiges Auf und Ab. Das ist manchmal anstrengend, aber auch sehr spannend“, bilanziert der Ingenieur. In ihm ist spürbar noch sehr viel von dem Enthusiasmus, den es braucht, technischen Fortschritt nicht nur bei Schönwetter, sondern auch bei politischem, wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Gegenwind weiterzubringen.
Doch Quell begeistert sich nicht nur für das Höher, Leistungsfähiger und Leiser, wonach die Ingenieurinnen und Ingenieure in der Windkraft streben, sondern auch für die Herausforderungen, die der Fortschritt nach sich zieht. „Schon jetzt produzieren wir in Schleswig-Holstein mehr saubere Energie, als wir verbrauchen können“, konstatiert Quell. „Wir müssen künftig nicht nur leistungsfähigere Anlagen bauen, sondern auch intelligente Lösungen schaffen, damit wir Angebot und Nachfrage deutschlandweit in Einklang bringen.“
Auf die Frage, wie es denn überhaupt anfing mit ihm und der Windenergie, überlegt Quell kurz und sagt: „Mir haben Windmühlen schon als Junge gefallen. Ihr Aussehen und ihr majestätischer Betrieb haben mich fasziniert. Später sah ich sie vor allem als Lösung, endlich etwas Konkretes gegen Luftverschmutzung, Ressourcenverbrauch und Atomenergie tun zu können.“ Dann schiebt er nach: „Mir gefiel die Idee, dass man mit dem Wind eine Ressource intensiv nutzen kann, ohne Umweltschäden zu hinterlassen. Sie ist kostenlos, vor Ort vorhanden und unendlich.“ Quells Karriere zeigt, dass es eine sehr gute Idee sein kann, sich im Leben von Gefühlen und guten Motiven leiten zu lassen.




