Kiel bei Sonnenaufgang© LH Kiel / N. Bettin
Zahlreiche Faktoren haben Einfluss auf das Klima in einer Stadt wie Kiel.

Wie Wärmestaus in Städten entstehen

von Joachim Kläschen

Jährlich veröffentlicht der Verein Deutsche Umwelthilfe den Hitze-Check. Der Bericht analysiert, wie resilient die deutschen Städte gegenüber Klimawandel und Hitzestress sind. „Offensichtlich heizen sich Städte im Sommer stärker auf als ländliche Regionen“, konstatiert Dr.-Ing. Christoph Göbel. Der Professor für Gebäudetechnologie in der Architektur am Institut für Bauwesen der HAW Kiel ergänzt: „Dieser Urban-Heat-Island-Effekt ist das Ergebnis des Zusammenspiels vieler Faktoren. Daher ist es eine große Herausforderung, das heiße Sommerklima in unseren Städten abzukühlen.“

Grundsätzlich spielen die klimatischen Gegebenheiten eine zentrale Rolle. Während das Sommerklima in südeuropäischen Metropolen wie Barcelona oder Porto aufgrund der Außentemperaturen schon fast so lebensfeindlich ist wie das in der Golfregion, lässt es sich in Kiel noch aushalten. „Im Hinblick auf das Aufheizen ist die Lage im Norden und am Meer ein erheblicher Standortvorteil. Beides sorgt dafür, dass im Sommer vergleichsweise niedrigere Oberflächentemperaturen vorherrschen“, weiß der Professor.

Doch auch bauliche Aspekte tragen dazu bei, dass sich Kiel im Sommer nicht so stark aufheizt wie andere Städte. „In Kiel gibt es relativ viel Stadtgrün, und auch der Versiegelungstrend ist hier nicht so dramatisch“, attestiert Göbel. Insbesondere die Versiegelung von Flächen hat starke Auswirkungen auf das Stadtklima, erklärt der Professor und verweist auf das Prinzip der Schwammstadt: „Das Wasser, das vom Himmel kommt, muss aufgefangen und für später gespeichert werden. Da ist es von Nachteil, wenn die Wassermengen über Dächer und Straßen direkt in die Kanalisation fließen und nicht langfristig durch Verdunstung für Kühlung sorgen.“

Während sich die jährlichen Niederschlagsmengen in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert haben, haben Starkregenereignisse zugenommen. Ist die bauliche Infrastruktur auf diese Wassermassen nicht ausgelegt, kommt es zu überlaufenden Kellern und überschwemmten Straßen. „Um dieser meteorologischen Veränderung Rechnung zu tragen, wurden in der Normung für die Gebäudetechnik bereits mehrmals die Werte für die Regenspende bei Starkregenereignissen und für den Jahrhundertregen angepasst. In der Folge werden beispielsweise Dachentwässerungen und Notüberläufe heute anders geplant“, erklärt der Professor.

Schaut man lediglich auf das Ranking des Hitze-Checks, scheint sich die Lage in Kiel verbessert zu haben: Die Landeshauptstadt ist sukzessive von Platz 57 über Platz 16 auf Platz 1 geklettert. „Die Platzierung hat sich vor allem verbessert, weil sich die Methodik über die Jahre geändert hat“, ordnet Göbel ein. „Wie stark Kiel tatsächlich betroffen ist, kann man beispielsweise am Jensendamm sehen. Die dort in den vergangenen Jahren errichteten Gebäude liegen in der Nähe des mit der Förde verbundenen Kleinen Kiels. Aufgrund der geänderten Bedingungen verfügen die Häuser über aufwendige Vorrichtungen, die sie vor Überflutungen bei Starkregen oder Hochwasser schützen sollen“, weiß der Experte. Doch das sind lediglich defensive Maßnahmen, die nicht zur Abschwächung des Urban-Heat-Island-Effekts beitragen.

Um der Aufheizung unserer Städte und den damit einhergehenden dramatischen Folgen bis hin zu Hitzetoten etwas entgegenzusetzen, braucht es eine Strategie, die vielfältige bauliche Maßnahmen einschließt. „Jede Entsiegelung hält das kühlende Wasser in der Stadt, ebenso das Pflanzen klimaresistenter und schattenspendender Bäume und andere Grünflächen. Auch Rückhaltebecken und die Begrünung von Dächern tragen dazu bei“, erklärt Göbel. „Doch auch bei den Baustoffen und der Gebäudetechnik hat sich viel getan, was dazu beitragen kann, dass sich die Stadt nicht mehr so stark aufheizt. Wenngleich alle Maßnahmen mit Kosten verbunden sind, ist diese Investition sinnvoller, als später mehr Geld für die Beseitigung von Schäden auszugeben“, schließt der Professor und verweist auf ein Förderprogramm der Stadt zur Dach- und Fassadenbegrünung, das Gebäudebesitzerinnen und -besitzern einen niederschwelligen Anreiz beitet, das lokale Mikroklima zu verbessern und einen Teil der Kosten für die Auswendungen erstattet zu bekommen.

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