Der 11. Februar ist der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Er erinnert daran, dass Wissenschaft lange Zeit kein offener Raum für alle war und macht deutlich, dass dieses Ungleichgewicht bis heute nachwirkt. Auch an der HAW Kiel sind Professorinnen weiterhin in der Minderheit. Um dem entgegenzuwirken, beteiligt sich die Hochschule bereits zum vierten Mal in Folge am Professorinnenprogramm.
Im Schatten eines Genies
Wissenschaftsgeschichte erzählt gern von Einzelgenies und Ausnahmefiguren. Weniger sichtbar sind jedoch die vielen Frauen, die Teil wissenschaftlicher Forschung waren, deren eigene Karrieren jedoch am gesellschaftlichen Korsett ihrer Zeit scheiterten. Eine von ihnen: Mileva Marić. Ihr Ehemann war der Physiker mit Wuschelkopf – Albert Einstein. Seine Formel E = mc² revolutionierte die Physik. Doch ist die Erkenntnis, dass Zeit und Raum relativ sind, wirklich allein sein Verdienst? Lange ging man davon aus. Aber 1987 rückte mit der Veröffentlichung der Collected Papers of Albert Einstein auch seine erste Ehefrau Marić ins Licht.
Sie wurde 1875 im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Schon früh zeigte Marić großes Interesse an Naturwissenschaften. Ihr Vater erkannte ihr Talent und ermöglichte ihr eine Sondergenehmigung: Als einzige Frau durfte sie am Physikunterricht eines Jungengymnasiums teilnehmen. Die Ausnahme unter vielen Männern sollte sie bleiben. Für ihr Studium ging Marić in die Schweiz. Am Polytechnikum Zürich studierte sie Physik und Mathematik. In ihrem Jahrgang war sie die einzige Frau, überhaupt erst die fünfte Frau, die an ihrer Universität studierte.
Im Studium lernte Marić ihren späteren Ehemann Albert Einstein kennen. Aus Briefen geht hervor, dass sie zunächst zögerte ihn näher kennenzulernen - denn sie wollte unabhängig bleiben. Trotzdem arbeiteten sie zusammen an physikalischen Ideen und verliebten sich schließlich doch. Eine ungeplante Schwangerschaft verhinderte, dass Marić ihr Studium abschließen konnte. Die gesellschaftlichen Normen der Zeit ließen ihr kaum eine Wahl: Eine Heirat wurde zur Notwendigkeit, denn ein uneheliches Kind hätte einen sozialen Absturz bedeutet.
Während Einstein sich ungestört seiner Forschung widmete, übernahm Marić den weniger ruhmreichen Teil des Familienlebens: Haushalt, Kinder, Organisation des Lebens. Dennoch blieb sie Teil der wissenschaftlichen Denkprozesse ihres Mannes. 1905, Einsteins sogenanntes „Wunderjahr“, reichte er mehrere Arbeiten bei der renommierten Fachzeitschrift Annalen der Physik ein. Zeitgenössische Hinweise deuten darauf hin, dass einige der Manuskripte mit den Namen Einstein-Marić gekennzeichnet waren. In Briefen aus den Jahren zuvor schrieb er an Marić: „Wie stolz und glücklich werde ich sein, wenn wir beide unsere Arbeit über die Relativbewegung gemeinsam zu Ende geführt haben.“ Wie groß Marićs tatsächlicher Anteil an den veröffentlichten Arbeiten war, lässt sich heute nicht eindeutig belegen. Sicher ist jedoch: Er schätzte ihre Mitarbeit, die Sichtbarkeit dafür war aber anscheinend nicht vorgesehen.
Im Gegensatz zu Einstein, der Anerkennung und Ruhm erlangte, blieb Marić der Weg in die Wissenschaft weitgehend verschlossen. Schwangerschaft, Mutterschaft und finanzielle Abhängigkeit ließen ihr keinen Raum für eigene Forschung. Nach der Scheidung kümmerte sie sich um die gemeinsamen Kinder und verdiente ihren Lebensunterhalt schließlich mit Nachhilfeunterricht.
Zwischen Fortschritt und Ungleichgewicht
Ausnahmen wie Marie Skłodowska-Curie oder Bertha Benz änderten lange nichts an dem System, das Frauen systematisch von wissenschaftlichen Karrieren ausschloss. Mileva Marićs Geschichte steht exemplarisch für diese strukturellen Hürden: Der Zugang zur Wissenschaft war möglich, echte Karrierewege für Frauen jedoch kaum vorgesehen. Aber heute, mehr als 100 Jahre später, sind Männer und Frauen in der Wissenschaft doch längst gleichberechtigt, oder?
Ein Blick auf aktuelle Zahlen zeigt: Ganz so einfach ist es nicht. Nicht einmal jede dritte Professur in Deutschland ist weiblich besetzt. Der Anteil liegt bundesweit bei 29,7 Prozent. Schleswig-Holstein liegt mit 28 Prozent sogar leicht unter dem Durchschnitt, Berlin kommt mit 37,3 Prozent auf den höchsten Wert.
Auffällig ist zudem: Obwohl mittlerweile etwas mehr Frauen ein Studium absolvieren (53,2 Prozent), sinkt ihr Anteil mit jeder Karrierestufe deutlich. Besonders in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sind Frauen weiterhin stark unterrepräsentiert. Den Schritt in die Wissenschaft schaffen viele Frauen – doch an der Spitze kommen deutlich weniger an.
Warum Vielfalt Wissenschaft besser macht
Gleichstellung in der Wissenschaft kommt nicht nur Frauen zugute, die die (ihnen zustehende) Chance bekommen, selbst zu forschen. Divers zusammengesetzte Forschungsteams helfen dabei, blinde Flecken zu vermeiden und Themen sichtbar zu machen, die in rein männlich oder sehr einseitig besetzten Teams leicht übersehen werden. Dabei geht es nicht nur um Geschlecht, sondern ebenso um unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Erfahrungen oder Lebensrealitäten.
Vielfalt in der Wissenschaft ist kein abstraktes Ideal, sondern entscheidet ganz konkret darüber, welche Fragen gestellt werden und für wen Forschung am Ende gemacht wird. Das gilt auch in der Architektur. Sabina Hauers, Professorin für Grundlagen des Konstruierens an der HAW Kiel, bringt es auf den Punkt: „Räume sind nicht einfach Skulpturen – sie bestimmen, wie sich Menschen bewegen und handeln.“ Und genau deshalb prägen die Perspektiven derjenigen, die sie entwerfen, unsere Umwelt und das Miteinander maßgeblich.
In ihren Anfängen als Architektin war Hauers in Baubesprechungen oft die einzige Frau unter 40 Männern – inklusive der „einen oder anderen Bemerkung“, erinnert sie. Ihr Eindruck: Als Frau müsse man immer „eine Spur besser sein“, um ernst genommen zu werden. Heute seien Teams diverser, doch weibliche Perspektiven hätten in der Architektur noch längst nicht das Gewicht, das sie brauchen. Sie erklärt: „Wenn Entwürfe sehr männlich dominiert sind, treten funktionale Aspekte in den Hintergrund.“
Ein ziemlich alltagsnahes Beispiel dafür sind öffentliche Toiletten: Auf dem Papier sind sie fair verteilt, in der Realität sind die Damentoiletten jedoch regelmäßig überfüllt. Dass Frauen andere Bedürfnisse haben, wird schnell vergessen und offenbar wird Gleichverteilung mit Gleichberechtigung verwechselt - Wartezeiten gleich mitgeplant.
Wie ist es an der HAW Kiel?
Auch an der HAW Kiel sind Professorinnen mit einem Anteil von 25,6 Prozent weiterhin unterrepräsentiert – allerdings ist dieser Wert seit 2015 um 6,5 Prozentpunkte gestiegen. Ein Schritt in die richtige Richtung. Um strukturelle Barrieren abzubauen, beteiligt sich die HAW Kiel am Professorinnenprogramm von Bund und Ländern. Dr. Franziska Schulz, Koordinatorin des Programms an der HAW Kiel, erklärt: „Ziel sei es, Frauen in der Wissenschaft gezielt zu stärken und ihnen den Weg in Führungspositionen zu erleichtern.“ Dazu gehören unter anderem Promotionsstipendien und Karrierecoachings für Wissenschaftlerinnen „Es geht nicht nur um einzelne Stellenbesetzungen“, betont Schulz, „sondern um einen Kulturwandel im Wissenschaftssystem hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit.“
Wissenschaft geht uns alle an – denn sie prägt die Welt, in der wir leben. Und so vielfältig diese Welt ist, so vielfältig sollten auch die Teams sein, die sie erforschen und gestalten. Ob Architektur, Medizin oder Psychologie: Nur wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, entsteht Forschung, die wirklich für alle da ist.
Buchtipp: Viele Informationen zu Mileva Marić stammen aus dem Buch Beklaute Frauen von Leonie Schöler. Darin blickt sie quer durch Kunst, Wissenschaft und Kultur und erzählt die Geschichte jener Frauen, die in einer von Männern dominierten Welt systematisch ausgebremst, ausgenutzt und um ihre Chancen gebracht wurden.
