Ein Mann© A. Diekoetter
Dr. Jörn Radtke ist Professor für Journalismus am Fachbereich Medien der HAW Kiel.

Lernen, was Journalismus darf

von Joachim Kläschen

In Deutschland ist es die Aufgabe von Rundfunkräten und Landesmedienanstalten, darauf zu achten, dass Medien die Spielregeln einhalten. Das gilt nicht nur für Fernsehen und Rundfunk, sondern auch für das Internet. Keine leichte Aufgabe, denn noch nie gab es hierzulande so viele Medienschaffende. „Jeder, der sich gezielt an eine Öffentlichkeit wendet, sollte die Spielregeln kennen“, rät Dr. Jörn Radtke vom Fachbereich Medien der HAW Kiel. „Allerdings ist das in der Praxis häufig nicht der Fall“, konstatiert der Professor für Journalismus und zieht den Vergleich zum „Fahren ohne Führerschein“.

Die Antworten von Influencern auf die Hinweise der Landesmedienanstalten sind mitunter öffentlicher Protest und Zensurvorwürfe. Wie im Fall von Benjamin Berndt, dessen Podcast-Format Ungescripted mehr als eine Million Abonnenten hat. In der Spitze erreichen seine Beiträge mehr als 6 Millionen Aufrufe. Wie die Episode, in der ein Rechtsextremer SA-Parolen verbreitet, die Berndt unkommentiert ließ. Doch der Fall ist laut Radtke klar: „Wer journalistisch tätig ist, der muss auch Standards wie die Sorgfaltspflicht einhalten. Das gilt für ausgebildete Redakteure bei Tageszeitungen sowie Fernseh- und Radiosendern ebenso wie für Streamer und Podcaster, die auf YouTube, Twitch, TikTok und Instagram aktiv sind.“ Doch viele Influencer wissen gar nicht, wenn sie journalistisch agieren.

Wo Journalismus anfängt und welche Regeln Journalisten beachten müssen, lernen die Studierenden am Fachbereich Medien nicht nur in Modulen wie Recht und Ethik. „Die Fragen nach dem normativen Rahmen durchziehen das gesamte Studium“, erklärt der Professor und ergänzt: „und die Studierenden sind sehr an dem Thema interessiert, weil sie die öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten zwischen Influencern und Medienaufsicht aufmerksam verfolgen.“ Wer sich beim eigenen Engagement an den Vorbildern orientiert, droht in die gleichen Fallen zu tappen wie die Idole. Radtke geht es daher darum, dass die Studierenden ein Bewusstsein für Journalismus entwickeln.

Eigentlich ist es ganz einfach: Journalistisch tätig ist, wer mit journalistischen Inhalten eine Öffentlichkeit sucht. Das Regelwerk für guten Journalismus ist der Pressekodex, der aufgrund der großen Verantwortung von Journalisten unter anderem eine saubere Arbeitsweise fordert; zudem das Landespressegesetz, das den rechtlichen Rahmen vorgibt. „In der öffentlichen Diskussion pochen ermahnte Influencer zuweilen uneinsichtig auf falsch ausgelegten Begriff der Meinungsfreiheit. Doch, so paradox es auf den ersten Blick vielen Menschen erscheinen mag, Freiheit geht immer auch mit Grenzen einher“, erklärt Radtke. Dem Ruf nach strengeren Regeln erteilt der Professor eine Absage. „Dass bei uns jeder das Recht hat, sich an eine Öffentlichkeit zu wenden, ist eine kostbare Freiheit, die wir um jeden Preis schützen sollten.“

Für das Studienangebot Journalismus und Medienwirtschaft arbeitet die HAW Kiel unter anderem mit einem traditionsreichen Medienhaus zusammen. „Um relevant zu bleiben, sind auch die gebührenfinanzierten Einrichtungen in das Reichweiterennen eingestiegen. Doch auch bei zeitgenössischen und der jungen Zielgruppe populären Formaten wie Podcasts oder Shorts folgen sie dem journalistischen Regelwerk. Kreative, die die Spielregeln kennen und es in allen Phasen ihrer Arbeit bedenken, sind für die Medienhäuser wertvoll“, beurteilt Radtke den Markt. Aber auch die Studierenden ziehen eine positive Bilanz. „Wir bekommen von vielen Studierenden zu hören, dass das berufsbegleitende Studium anstrengend ist, ihnen aber bei ihrer Arbeit in der Praxis wirklich weiterhilft“, freut sich der Professor.

Radtke und seine Kolleginnen und Kollegen am Fachbereich verfolgen aufmerksam die Entwicklung und tauschen sich mit Partnern aus der Medienbranche aus. Daher ergänzt Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse, seit dem Wintersemester 2025/26 Leiter des Studiengangs Journalismus und Medienwirtschaft: „Wenn sich das Berufsfeld des Digitaljournalismus festigt und sich ein Bedarf zeigt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wir mit unseren Angeboten künftig auch gezielt Influencer ansprechen. Journalismus ist ein kostbares und für unsere Gesellschaft wertvolles Gut, das wir pflegen müssen. Am Ende ist es für alle ein Gewinn, wenn vernünftige Spielregeln bekannt sind und eingehalten werden.“

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