Die Stadt Kiel startet ein neues Modellprojekt zur besseren Unterstützung pflegender Angehöriger im direkten Wohnumfeld. Ziel des Vorhabens „Pflegesensibles Quartier“ ist, Pflege und Unterstützung stärker im Quartier zu organisieren und alltagsnahe Hilfen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen auszubauen. Das Projekt wird in den Stadtteilen Elmschenhagen / Kroog sowie Wik umgesetzt und mit rund 540.000 Euro durch das Land Schleswig-Holstein und die Pflegekassen gefördert. Sozialministerin Aminata Touré und AOK-Landesdirektorin Iris Kröner haben heute symbolisch den Förderbescheid an Bürgermeister Gerwin Stöcken übergeben.
„Ein großer Teil der Menschen möchte im gewohnten Umfeld älter werden und dort auch gepflegt werden. Schon heute sind pflegende Angehörige der größte Pflegedienst, den wir haben. Mit Blick auf den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel wird Pflege im häuslichen Umfeld noch weiter an Bedeutung gewinnen. Deshalb brauchen wir genau solche Ansätze, die eine solidarische und pflegende Gesellschaft im direkten Umfeld würdigen und stärken. Ich freue mich, dass die Landeshauptstadt Kiel so ein spannendes Projekt auf die Beine stellt“, sagte Sozialministerin Aminata Touré.
Im Mittelpunkt des Modellvorhabens steht ein quartiersbezogener Caring-Community-Ansatz, der Pflege als gemeinsame Aufgabe im sozialen Umfeld versteht. Durch Aufklärungs- und Vernetzungsarbeit sollen Menschen im Quartier für das Thema Pflege sensibilisiert, nachbarschaftliche Unterstützung gestärkt und pflegende Angehörige entlastet werden. Zudem soll der Zugang zu Entlastungsangeboten – auch mit digitalen Lösungen – erleichtert werden.
AOK-Landesdirektorin Iris Kröner: „Die gesetzlichen Pflegekassen unterstützen gern das Modellvorhaben „Pflegesensibles Quartier“. Es verbindet professionelle Pflege mit Angehörigen, Nachbarn und lokalen Einrichtungen in einem neuen, innovativen Netzwerk direkt im Wohnumfeld der Betroffenen. Damit wird es pflegebedürftigen Menschen ermöglicht, so lange wie möglich selbstständig in ihrer gewohnten Umgebung zu leben. Das stärkt die Versorgungssicherheit, entlastet Pflegefachkräfte und pflegende Angehörige und macht die Daseinsvorsorge nachhaltiger. Solche Modelle können helfen, die Versorgung älterer, kranker und pflegebedürftiger Menschen zukunftssicher zu gestalten.“
Zentrales Element ist eine neue Koordinierungsstelle „Pflegesensibles Quartier“. Sie ergänzt bestehende Strukturen wie die Anlaufstellen Nachbarschaft (anna) sowie die Pflegestützpunkte. Die Koordinierungsstelle übernimmt insbesondere die Vernetzung im Quartier, die Vermittlung von Unterstützungsangeboten sowie die Organisation und Begleitung freiwilliger nachbarschaftlicher Hilfe.
Bürgermeister Gerwin Stöcken: „Die alternde Gesellschaft und der Fachkräftemangel stellen uns in der Pflege vor große Herausforderungen. Um diese zu meistern, müssen wir neue Konzepte entwickeln und neue Wege gehen. Mit den Pflegesensiblen Quartieren haben wir einen pragmatischen Ansatz entwickelt – denn An- und Zugehörige leisten einen enormen Beitrag zur Pflege und dürfen mit dieser Aufgabe nicht alleine gelassen werden. Mit dem Modellprojekt wollen wir direkt vor Ort unterstützen und die Situation der Pflegenden und Pflegebedürftigen zu verbessern.“
Das Projekt basiert auf einer begleitenden Bedarfsanalyse der Sorge- und Unterstützungsbedarfe pflegender An- und Zugehöriger im Quartier. Es wird wissenschaftlich durch die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel begleitet. Untersucht wird insbesondere, wie sich die neuen Unterstützungsstrukturen auf die Belastung pflegender Angehöriger und die Lebensqualität im Quartier auswirken. Die Ergebnisse sollen in einem praxisnahen „Tool-Koffer“ gebündelt und auf weitere Stadtteile, Städte und Gemeinden übertragen werden.
„Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung werden wir die verschiedenen Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe der doch sehr heterogenen Zielgruppe der pflegenden An- und Zugehörigen in den Blick nehmen. Dazu gehören auch pflegende Eltern, pflegende Kinder und Jugendliche. Wir wollen untersuchen, wie sich die Hilfeangebote der Caring Community auch für diese Gruppen auswirken,“ erläutert Studienleiterin Dr. Anke Erdmann, Professorin für Chronische Erkrankungen und Langzeitpflege an der HAW Kiel.
Das Modellvorhaben wird im Rahmen eines Förderprogramms der sozialen Pflegeversicherung umgesetzt, mit dem neue Versorgungs- und Unterstützungsformen in der Pflege erprobt werden. Schleswig-Holstein stellt hierfür im Rahmen der Kofinanzierung jährlich rund 1 Mio. Euro für die Jahre 2025 bis 2028 zur Verfügung.

