Warum sterben Frauen häufiger bei schweren Autounfällen, obwohl Männer insgesamt mehr Unfälle verursachen? Die Erklärung liegt nicht unbedingt im Fahrverhalten, sondern auch in der Forschung. Jahrzehntelang wurden Sicherheitsstandards in der Automobilindustrie anhand männlicher Körpermodelle entwickelt. Crash-Test-Dummies orientierten sich am „Durchschnittsmann“ – mit Folgen für die Sicherheit anderer Körperformen. Genau an solchen blinden Flecken setzt das Projekt GARD – Gender in Applied Research and Development – an der HAW Kiel an. Ziel ist es, Geschlechterperspektiven systematisch in Forschungsprozesse einzubeziehen. Dabei sind sie kein Zusatzthema, sondern werden zum festen Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis. „Es geht nicht darum, Forschung politischer zu machen“, erklärt Prof. Dr. Britta Thege vom Institut für Interdisziplinäre Genderforschung und Diversity. „Es geht darum, sie präziser und somit besser zu machen.“
Gender als Frage wissenschaftlicher Qualität
Das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt läuft seit Januar 2025 über drei Jahre. Es ist Teil der Förderinitiative „Geschlechteraspekte im Blick“, in der bundesweit zwölf Projekte gefördert werden. Bemerkenswert aus Kieler Sicht: Nur zwei dieser Projekte sind an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften angesiedelt. Dass die HAW Kiel zu den geförderten Hochschulen gehört, habe laut Professorin Thege auch mit ihrem Profil zu tun: Die Hochschule ist anwendungsorientiert aufgestellt, vereint viele unterschiedliche Fachbereiche und verankert das Thema seit Jahren institutionell über das Institut für Interdisziplinäre Genderforschung.
Ziel des Projekts ist es, dass Forschende prüfen, ob Gender für ihre Forschung eine Relevanz hat – und zwar möglichst, bevor sie einen Antrag schreiben und abgeben. Es gehe ausdrücklich nicht darum, allen Projekten pauschal eine Genderdimension zuzuschreiben, so Thege. Entscheidend sei vielmehr die Relevanzprüfung: Wo spielt Geschlecht eine Rolle und wo nicht? Was bedeutet das konkret für Forschungsdesign, Datenerhebung, Entwicklung oder Anwendung?
Gerade dieser Punkt sei dem vierköpfigen Projektteam wichtig. „Das beste Ergebnis wäre, wenn nicht mehr selbstverständlich davon abgesehen wird, sondern früh geprüft wird, ob Geschlecht für ein Forschungsvorhaben relevant ist“, sagt Merle Heyrock, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. Dann würde die Berücksichtigung von Gender nicht mehr als Zusatzthema behandelt, sondern als selbstverständlicher Bestandteil guter Forschung. Dabei gehe es nicht darum, überall zwangsläufig Unterschiede zu finden. „Wir sprechen bewusst von einer Relevanzprüfung“, sagt Lara Bökamp, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Das Ergebnis kann auch sein, dass Geschlecht für eine Fragestellung keine Rolle spielt. Entscheidend ist, dass diese Frage überhaupt gestellt wird.“
Blick in andere Disziplinen
Dass dies nicht immer selbstverständlich war, zeigt ein Blick in verschiedene Disziplinen. Lange galt der männliche Körper oder die männliche Lebensrealität als unausgesprochene Norm, sei es in der Technik, der Medizin oder in digitalen Technologien. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft verdeutlicht das: In Indonesien oder Uganda entwickelte Erntegeräte für Tee sowie Süßkartoffeln erwiesen sich nach ihrer Einführung als zu groß und zu schwer. Erst später stellte sich heraus, dass die Arbeit überwiegend von Frauen erledigt wurde, die mit den Maschinen kaum umgehen konnten. Die Geräte mussten anschließend neu entwickelt werden oder die Frauen konnten die Arbeiten nicht lange ausführen.
Auch in digitalen Technologien zeigen sich solche Verzerrungen. Bei einer Projektveranstaltung ließ das Team eine Bild-KI eine Person darstellen, die ein Flugzeug steuert und fähig ist, ein Kind zu gebären, ohne die Wörter „Frau“ oder „Pilotin“ im Prompt zu verwenden. Das Ergebnis: ein männlicher Pilot mit einem Säugling im Arm. „Solche Beispiele zeigen, wie sehr gesellschaftliche Vorstellungen in Technologien verankert sind“, erklärt Prof. Thege.
Geschlechterbias könne jedoch nicht nur Frauen benachteiligen. Auch Männer seien betroffen, etwa in der Medizin und Psychologie. Ein Beispiel sei die Diagnose von Depressionen. Klassische Diagnosekriterien orientierten sich häufig an Symptomen wie Traurigkeit oder sozialem Rückzug, die statistisch häufiger bei Frauen beobachtet werden. Männer hingegen zeigten depressive Erkrankungen häufiger auf andere Weise, zum Beispiel durch Aggression, riskantes Verhalten oder Suchtmittelkonsum. „Solche Unterschiede können dazu führen, dass Erkrankungen bei Männern später oder gar nicht erkannt werden“, erklärt die Professorin.
Beratung für bessere Forschung
Im Zentrum von GARD steht deshalb ein sehr praktisches Angebot: eine Antragsberatung für Forschende. Wer ein Forschungsprojekt plant, kann sich an das Team wenden und gemeinsam prüfen, ob und wie Geschlechteraspekte berücksichtigt werden sollten und wie sich diese Überlegungen sinnvoll im Forschungsdesign oder im Förderantrag abbilden lassen. Die Beratung kann ganz unterschiedlich aussehen: Manchmal geht es um Literaturrecherche zum Stand der Forschung, manchmal um die Zusammensetzung einer Stichprobe oder um Fragen des Forschungsdesigns.
Das Angebot wurde bereits aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen der Hochschule mehrfach genutzt, von technischen Disziplinen bis hin zu Medien- oder Gesundheitsforschung. In mehreren Fällen konnten Hinweise aus der Beratung bereits in Förderanträge einfließen, wie bei der Stichprobenauswahl, im Forschungsdesign oder bei der Begründung der gesellschaftlichen Relevanz eines Projekts. Ob diese Projekte später bewilligt werden, wird sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen.
Neben der individuellen Beratung setzt das Projekt auch auf Austauschformate. Bei einem ersten Forum zum Thema „Mensch und Maschine – Wer hat den Bias?“ diskutierten Forschende aus verschiedenen Fachbereichen über algorithmische Verzerrungen in KI-Systemen. Solche niedrigschwelligen Veranstaltungen sollen dazu beitragen, das Thema auch jenseits der klassischen Genderforschung sichtbar zu machen.
Forschungspreis mit 5.000 Euro dotiert
In den kommenden Monaten sind weitere Veranstaltungen vorgesehen, darunter ein hochschulinternes Austauschforum, in dem aktuelle Forschungsarbeiten präsentiert und diskutiert werden. Zudem wird die Reihe „Forschung meets Praxis“ fortgesetzt, die in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführt wird und den Austausch zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen fördert.
Ein zusätzlicher Anreiz entsteht durch einen neuen Forschungspreis: 2027 wird erstmals ein mit 5.000 Euro dotierter Preis für Projekte vergeben, die Geschlechterperspektiven besonders überzeugend in ihre Forschung integrieren.
Langfristig gehe es dem Team um mehr als einzelne Projekte oder Veranstaltungen. „Der Idealfall wäre, dass die Frage nach Gender irgendwann ganz selbstverständlich Teil jedes Forschungsantrags ist, genau wie andere Qualitätskriterien auch“, so Prof. Thege. Denn Forschung ziele letztlich immer darauf ab, die bestmöglichen Ergebnisse zu bekommen. Wer unterschiedliche Lebensrealitäten von Anfang an mitdenkt, kann präzisere Fragen stellen, bessere Daten erheben und Lösungen entwickeln, die für mehr Menschen funktionieren.
Antragsberatung durch das Projekt GARD
Forschende der HAW Kiel, die Unterstützung bei der Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in ihren Förderanträgen benötigen, können sich an das Projektteam wenden. Die Mitarbeitenden beraten dazu, ob Genderberücksichtigung für ein Forschungsvorhaben relevant ist und wie entsprechende Aspekte im Antrag – etwa im Stand der Forschung, in der Methodik oder im Impact- bzw. Verwertungskonzept – sinnvoll berücksichtigt werden können.
Kontakt:
Projekt GARD – Gender in Applied Research and Development
Institut für Interdisziplinäre Genderforschung und Diversity (IGD), HAW Kiel
E-Mail: igd@haw-kiel.de
Telefon: 0431 210-1782

